Brandursachenermittlung

Ein Kraftfahrzeug ist ein kompliziertes Gebilde aus verschiedenen technischen Systemen. Herkömmliche Kfz-Motoren - fachl. Verbrennungskraftmaschinen - nutzen die im Kraftstoff gespeicherte chemische Energie, um durch kontrollierte Verbrennung (nicht Explosion) ein Drehmoment zu erzeugen, das als mechanische Antriebsenergie konventioneller Kaftfahrzeuge dient. Im System Kraftfahrzeug sind die für eine Verbrennung erforderlichen Voraussetzungen - brennbares Medium, Sauerstoff, Zündquelle - bereits vorhanden und werden unter kontrollierten Bedingungen im nach außen isolierten Verbrennungsraum (Zylinder) zusammengeführt, sodass eine Verbrennung unter kontrollierten Bedingungen stattfindet. Durch Manipulation, Unachtsamkeit bei Montagearbeiten oder Funktionsfehler / Bauteilschäden kann es jedoch vorkommen, dass eine oder mehrere für eine Verbrennung erforderlichen Voraussetzungen auch außerhalb des geschützten Zylinders auftreten können. Tropft z.B. Kraftstoff aus einer undichten Leitung auf heiße Motorraumteile (Abgaskrümmer, Katalysator u.ä.), kann der verdampfende Kraftstoff mit dem Luftsauerstoff ein brennbares Gemisch bilden, was sich an heißen Motorteilen entzünden kann. In der Folge können brennbare Motoraumteile (Kunststoffverkleidungen, Dämmmaterialien usw.) während der Fahrt in Brand geraten - es entsteht ein Fahrzeugbrand, der zur vollständigen Zerstörung eines Fahrzeuges führen kann.
Vergleichbare Brandentstehungsmechanismen sind auch bei modernen Elektrofahrzeugen denkbar, wenn z.B. ein beschädigtes Hochvoltkabel einen Kurzschluss mit Lichtbogen erzeugt, dessen Energie ein brennbares Medium (z.B. Ölablagerungen) entzündet. Im Stillstand können Fahrzeuge beispielsweise durch Funktionsfehler von Standheizungen oder Manipulation in Brand geraten. Manche Fahrzeuge werden absichtlich in Brand gesetzt, um Spuren eines Diebstahls o.ä. zu verwischen.

Untersuchungen zur Ermittlung der Brandursache an einem Fahrzeug sind mitunter schwierig und führen nicht immer zum erhofften Erfolg. Je leichter die Brandschäden (Teilbrand) am Fahrzeug, desto eher lässt sich die Ursache einer Brandenstehung durch den Unfallanalytiker ermitteln. Außer einer eingehenden technischen Untersuchung des betroffenen Fahrzeuges sind bei der Suche der Brandursache i.d.R. weitere Randbedingungen zu beachten. Deshalb ist es z.B. wichtig, dass nicht nur das Fahrzeug, sondern auch das möglichst unveränderte räumliche Umfeld am Brandort und die Angaben der Fahrzeugnutzer oder Zeugen zur Brandentwicklung berücksichtigt werden.

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Der Pkw geriet auf einer Autobahn in Brand. Eine im Vorfeld mehrfach aufleuchtende Motorkontrollleuchte und die  Brandentstehung im rechten Motorraum sprechen für eine technisch wahrscheinliche Brandursache durch eine oder mehrere defekte Zündspulen. Ohne wirksame Zündung im Zylinder konnte eingespritzter Kraftstoff unverbrannt in den motornah montierten Katalysator gelangt und dort aufgrund hoher Betriebstemperatuten gezündet worden sein. Der überhitzte Katalysator konnte angrenzende brennbare Motorraumteile in Brand gesetzt haben.

Diebstahltechnische Untersuchungen

Nach Angaben der Versicherungswirtschaft wurden 2012 in der BRD 18.063 Pkw als gestohlen registriert. Bezogen auf die Einwohnerzahl nehmen Berlin und Brandenburg seit Jahren Spitzenplätze in der Statistik ein. Der volkswirtschaftliche Schaden wurde für 2012 mit 242 Mio. Euro beziffert. Viele entwendeten Fahrzeuge verschwinden für immer und werden nicht mehr aufgefunden. In Fällen, wo ein entwendetes Fahrzeug wiederaufgefunden wird, können Untersuchungen zur Beantwortung der Frage - wurden - wenn ja, wie - die Sicherungssysteme des Fahrzeuges überwunden, um (unberechtigt) in das Fahrzeug einzudringen und es ggf. in Betrieb zu setzen? -  geboten sein.

Diebstahltechnische Untersuchungen im Zusammenhang mit unberechtigter Öffnung oder Totalentwendungen von Kraftfahrzeugen erfordern Expertenwissen und detektivischen Spürsinn. Insbesondere bei der Anwendung elektronischer/technischer Systeme sind die Diebe den Ermittlern oftmals einen Schritt voraus. Der Unfallanalytiker muss die  Öffnungstechniken, die typischen Diebstahlspuren und die sich stetig entwickelnde Sicherungstechnik an den Fahrzeugen kennen und funktionell verstehen. Sofern am Fahrzeug Spuren einer unberechtigten Öffnung und Inbetriebsetzung vorhanden sind, müssen diese sachgerecht gesichert und interpretiert werden. Dabei können auch aufwendige Untersuchungen (z.B. Detailanalyse an Schlüsselbahnen oder Zuhaltungen des Schließzylinders mit einem Elektronenmikroskop) erforderlich werden. Schlüsselsätze sind auf Vollständigkeit, Identität und Kopierspuren zu untersuchen und ggf. die Transponderdaten auszulesen.

Auch moderne Fahrzeuge mit schlüssellosen Zugangssystemen (Keyless Go) können ohne äußerlich sichtbare Spuren entwendet und unberechtigt in Betrieb gesetzt werden. Werden diebstahltechnische Untersuchungen systematisch und unter Beachtung einiger Grundregeln durchgeführt, lassen sich bei hinreichend guter Spurenlage beweissichere Aussagen über die Faktizität einer angegebenen Totalentwendung treffen.

 

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Anhand von Schlüsselkatalogen ist die Art und Anzahl der zum Fahrzeug gehörenden Schlüssel zu ermitteln und mit den tatsächlich vorhandenen Schlüsseln abzugleichen.

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beschädigter Schließzylinder nach Gewalteinwirkung als äußerlich sichtbares Merkmal eines unberechtigten Öffnungsversuches

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mikroskopische Untersuchung der Schlüsselbahnen zur Feststellung von Kopierspuren oder Spuren von Gewalteinwirkung

Auswertung der Fahraufzeichnungen von Fahrtschreiber und UDS

In vor 2006 zugelassenen Lkw wurden noch analoge Fahrtschreiber (sog. EG-Kontrollgeräte) verwendet (z.B. Mannesmann Kienzle, Siemens VDO), deren Aufzeichnungen mittels mechanischen Schreibstiften auf Diagrammscheiben erfolgen. Diese analog-mechanischen Geräte verlieren jedoch zunehmend an Bedeutung, weil seit Mitte 2006 für Neuzulassungen digitale Geräte vorgeschrieben werden. Die Fahrtschreiber zeichnen Geschwindigkeits-, Weg- und Zeitdaten auf, die in erster Linie zur Überwachung von gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten dienen. Nach Verkehrsunfällen können diese aufgezeichneten Fahrdaten jedoch auch verwendet werden, um Weg-Zeit-Zusammenhänge und Fahrgeschwindigkeiten zu analysieren. Digitale Kontrollgeräte zeichnen in zyklisch überschreibbaren Ringspeichern Daten im normalen Fahrbetrieb mit 1 Hz und bei Überschreitung von Verzögerungsschwellen mit 4 Hz (4 Werte pro Sekunde) auf. Während die "alten" analogen Diagrammscheiben mit einer Aufzeichnungsdauer bis 24 Stunden regelmäßig archiviert wurden und damit auch längere Zeit nach einem Unfall noch auszuwerten waren, müssen die von digitalen Kontrollgeräten gespeicherten Daten zeitnah zum Unfall mit speziellen Geräten (Downloadkey) ausgelesen und gesichert werden, weil sie anderenfalls durch nach dem Unfall stattfindende Fahrvorgänge überschrieben werden und nachträglich nicht mehr rekonstruierbar sind. Gerade diese zeitnah zum Unfall erforderliche Datensicherung findet in der Praxis aus unterschiedlichen Gründen oft nicht statt. Liegen jedoch auswertbare Fahraufzeichnungen vor, so können Fragen zu Annäherungs- und Kollisionsgeschwindigkeiten, zeitbasierten Fahrzeugpositionen, Bremsreaktionen u.ä. beweissicher beantwortet werden. So konnte beispielsweise in einer polizeilichen Ermittlung aus der Auswertung der Diagrammscheibe eines verdächtigen Lkw dessen Fahrprofil ermittelt werden, mit dem Nachweis, dass sich der Lkw zum Zeitpunkt eines Verkehrsunfalles mit Tötung eines Radfahrers am Unfallort befunden und dort auch kurzzeitig angehalten haben musste. Weitere Spuren am Lkw bewiesen dann eine Unfallbeteiligung und der Fahrer wurde der Unfallflucht überführt.

Unfalldatenspeicher (UDS) sind Geräte, die in einem Fahrzeug installiert sind und unterschiedliche Daten aufzeichnen. Mittels integrierter Beschleunigungssensoren, elektronischem Kompass und Uhr werden Fahrdaten mit Längs- und Querbeschleunigung sowie die Fahrzeugorientierung zum magnetischen Pol aufgezeichnet. Darüber hinaus können Statusdaten wie Blinklicht, Bremslicht, Martinshorn u.ä. erfasst werden. Im Unterschied zu EG-Kontrollgeräten beträgt die Aufzeichnungsdauer eines UDS nur ca. 45 Sekunden. Nach Ablauf dieser Zeit werden die jeweils älteren Daten überschrieben. Durch einen Unfall mit höheren Verzögerungen werden die Daten automatisch und dauerhaft gespeichert. Mit spezieller Software können die relevanten Daten aus dem UDS ausgelesen und analysiert werden. Im Idealfall ermöglicht die sachgerechte Interpretation der Daten sichere Rückschlüsse auf das Bewegungsverhalten eines verunfallten Fahrzeuges z.B. kurz vor und nach einer Kollision. Bei der Datenanalyse sind spezifische Geräteparameter und Umgebungsvariablen zu beachten. Da in der BRD keine Ausrüstungsplicht für UDS besteht, ist die Chance, dass in einem unfallbeteiligten Fahrzeug ein UDS installiert ist, eher gering. UDS werden überwiegend in großen Fuhrparks von Speditionen, Autovermietungen, Bus- und Taxiunternehmen und z.T. bei Behörden (z.B. Polizei Berlin / Brandenburg) verwendet. Unfallanalytiker verwenden UDS-Geräte auch zur Beschleunigungsmessung in Crashversuchen.

Mit der zunehmenden Komplexität der elektronischen Fahrzeugsysteme (Airbags, ABS, ESP, aktives Fahrwerk, Luftfederung, Assistenzsysteme für Spurhaltung, Notbremsung, Abstand und Unfallvermeidung/Folgenminderung) werden im Fahrbetrieb in den vernetzten Steuergeräten Statusdaten generiert und teilweise gespeichert, die nach Verkehrsunfällen (z.B. nach Airbagauslösung und Aktivierung des Notbremsassistenten) u.U. ausgelesen und für eine Unfallanalyse verwendet werden können. Die sachgerechte Verwendung und Interpretation dieser Daten ist jedoch nur in enger Abstimmung mit dem Fahrzeughersteller möglich, da selbst innerhalb der Fahrzeugflotte eines Herstellers keine konsistente / standartisierte Datenstruktur besteht.

Diagrammscheibe

Fahrtschreiber-Diagrammscheibe mit analogen Schreibstiftaufzeichnungen der Geschwindigkeit, Wegstrecke und Tätigkeit

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digitaler Tachograph - auslesen der gespeicherten Fahr- und Statusdaten nach einem Unfall mit einem Downloadkey (Tachograph demontiert)

diagramm

die ausgelesenen und aufbereiteten Daten lassen sich anschaulich in Diagrammform darstellen

Tachograpf

analoger Tachograph

Zu den Kernaufgaben eines Unfallanalytikers gehören insbesondere die sich häufig wiederholenden Tätigkeiten der Unfallaufnahme, Spurensicherung und -interpretation, technische Untersuchung und Unfallanlyse. Der Unfallanalytiker wird gelegentlich jedoch auch tätig, wenn Fragen zu beantworten sind, die sich mit anderen technischen Themen befassen. Die folgende Auflistung gibt einen kleinen Überblick über weitere Arbeitsfelder eines Unfallanalytikers.

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